Strategische Überlegungen der Tiroler Landesverteidigung zur Sicherung des Brixner Raumes 1833 - 1914

angedachte Feldbefestigungen im Raum Klausen-Villnöß

von Latzfons bis nach Teis
Erfahrungen aus den napoleonischen Kriegen als Triebfeder
Bald nach den napoleonischen Kriegen ging man bei der österreichischen Heeresleitung an die Planung einer neuen Serie von Befestigungsanlagen an den Reichsgrenzen, aber auch im nahen Landesinneren. In Wien ernannte man eine Fachkommission, bestehend aus Experten des Festungsbaues und der Genietruppe, die selbst tätig wurde oder durch Beauftragte Feld-Situationsberichte verfassen und Skizzen anfertigen ließ. Auf der Grundlage dieser Skizzen und Berichte wurde dann mit der eigentlichen Planung und der Ausarbeitung verschiedener Varianten begonnen.
Die Sicherung des Brixner Raumes
Im südlichen Tiroler Raum wollte man den Zugang zu den drei Hauptübergängen Reschen und Brenner sowie das Pustertal sichern. Deshalb plante man im Laufe der Jahrzehnte des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts eine Serie von Werken um Brixen. Die Wichtigkeit des Brixner Raumes war bereits in den Kämpfen gegen Franzosen und Bayern zwischen 1796 und 1809 klargeworden; damals wurden in der unmittelbaren Umgebung der strategisch wichtigen Abzweigung des Pustertales vom Eisacktal eine Reihe von Gefechten ausgetragen. Man denke an die Gefechte bei Spinges am 2. April 1797; bei Pardell hoch über Klausen am 3. April 1797; bei der Mühlbacher Klause am 9. April 1809; bei der Ladritscher Brücke am 11. April 1809; in Oberau am 5. und 6. August 1809; beim „Sack“, der heutigen Sachsenklemme, am 4. und 5. August 1809. Bereits in den ersten 1830er Jahren entwarf man die imposante Festung Franzensfeste und realisierte sie dann etwas nördlich der Brixner Klause als Sperrwerk ins obere Eisacktal und zum Schutze des Brenners. Sie wurde zwischen 1833 und 1838 erbaut und von Kaiser Ferdinand I. eingeweiht. Der Ingenieur und Generalmajor Franz von Scholl entwarf nicht nur die Franzensfeste, sondern auch die ebenfalls realisierte Feste Nauders zum Schutze des Oberinntales. In seinen Plänen ging er aber viel weiter und plante die Verteidigung südlich von Brixen, indem er eine Festungsanlage auch vor Klausen unter Einbeziehung des unteren Säbener Berges und des Tinnebaches vorsah.
Plan einer „Festung Klausen“
KA.-Wien, Karten und Plansammlung, Inland c II a Klausen Nr.01 Schichten Plan 1833
Die vom Ingenieur und Generalmajor Franz von Scholl geplante, aber nie realisierte Festung Klausen. Die Verteidigungsanlagen, siehe gelbe Kennzeichnung, reichten vom Paterbichl (1), über die Sperre im Tinnebachtal (2) und Schloss Branzoll samt Hangbefestigungen (3) bis zur Säbener Marien-Kirche (4). Klosteranlage auf Säben (5), Tinneplatz in Klausen (6).
„Festungsstadt Brixen“
strategische Grundlage der Feldbefestigungen Klausen - Villnöß
Wahrscheinlich ist in dieser Zeit auch die Idee einer „Festungsstadt Brixen“ entstanden. (Man spricht dann von einer Festungsstadt, wenn eine Stadt mit einem oder mehreren Gürteln aus Festungsbauten umgeben wird. Als Beispiele seien hier die Festung Trient oder die weitaus bekanntere Festung Przemysl in Galizien, heute in Polen, genannt.) Die Realisierung der Festungsstadt Brixen scheiterte zwar am Geldmangel, aber das Konzept bildete die Verteidigungsgrundlage unserer Gegend und wurde vom k.u.k. Armee-Ober-Kommando bis in das erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts nie außer Acht gelassen. Ab 1913 bildete dieser Plan samt seinen Varianten die strategische Grundlage der Feldbefestigungen Klausen-Villnöß.
Die Entwicklung zwischen 1878 und 1900
Nach den verlustreichen Kämpfen 1848, 1859 und 1866 in der Poebene und der daraus folgenden neuen Grenzziehungen wurde ein Großteil der Tiroler Südgrenze auch Reichsgrenze und bedurfte einer verstärkten Verteidigungsplanung an den Einfallsrouten aus dem neugegründeten Königreich Italien. Ab nun begann man das Gebiet in eine 1. und eine 2. Verteidigungslinie zu unterteilen.
Die 2. Linie

Ein Dokument aus dem Jahre 1878 erläutert detailliert die neuen Überlegungen der eingangs genannten Kommission hinsichtlich einer zeitgemäßen Situationsanpassung. Es ist festzuhalten, dass bei allen Überlegungen immer von einer linken bzw. rechten Verteidigungslinie gesprochen wird, diese entspricht der orografischen Flussseite des Eisacks oder dem Standpunkt des Verteidigers, wenn der Angreifer aus Richtung Bozen kommt.
Das Dokument wird originalgetreu, aber mit kleinen Anpassungen an die heutige Schreibweise wiedergegeben.
Am 30. Juli 1879 werden Elaborate für die feldmäßig auszuführenden Befestigungen bei Klausen vorgelegt (ad RKM. RwK Präs. No 529 – Militär-Kommando Innsbruck).

KA. M.Beh. - Genie, Tiroler Sperren, versch. Werke, Pläne K.82
Originalakt mit verschiedenen Plänen und Skizzen zur Sperre Klausen-Villnöß
Generalübersicht über die geplante Sperre Klausen
KA. M.Beh. Genie, Tiroler Sperren, versch. Werke, Pläne K.82
Die geplante Sperre reichte von Latzfons, bzw. Verdings, Trojer (Moar zu Viersch), Leitach, Klamm, Nafen bis nach Teis und sollte somit das Eisacktal nördlich von Klausen abriegeln. Die roten Linien begrenzen das jeweilige Schussfeld der Artilleriestellungen, die mit Feldkanonen unterschiedlicher Größe bestückt wurden.
9-cm-Feldkanone M. 1875
M. C. Ortner – Die österreichisch-ungarische Artillerie von 1867 bis 1918
10-cm-Feldkanone M. 1863
M. C. Ortner – Die österreichisch-ungarische Artillerie von 1867 bis 1918
12-cm-Hinterlader-Kanone M. 1861
M. C. Ortner – Die österreichisch-ungarische Artillerie von 1867 bis 1918
Die einzelnen Verteidigungsanlagen dieser Sperre wurden zwischen 1878 und 1879 im Detail geplant und beschrieben:

Verdings

Dorfverteidigung und Feldbatterie Verdings

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Troyerhof

Feldwerk Troyerhof
(heute Moar zu Viersch genannt)

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Leitach

Feldbatterie Leitach

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Klamm

Feldbatterie Klamm

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Nafen

Feldschanze bei Nafen

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Theis

Dorfverteidigung und Feldbatterie Theis
(heute Teis geschrieben)

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Gufidaun

Dorfverteidigung Gufidaun

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1895 entsteht ein neuer Plan

Nach 1879 folgte eine ruhige, ja ruhende Phase bei den Wiener Planern der Sperre Klausen. Ob man anderweitig beschäftigt war oder es am chronischen Geldmangel des Kriegsministeriums lag, ob erst die weiten Ebenen Galiziens befestigt werden mussten oder das Küstenland Vorrang hatte, es wurde auf jeden Fall nicht festgehalten, worin der Grund für die Stagnation lag. Es ist anzunehmen, dass man in der Kommission uneinig über Ausführungszeitraum, bautechnischen Varianten und persönlichen Vorlieben sein musste.

Erst im Jahr 1895, genauer gesagt am 12. Mai 1895, überdenkt man den Plan zur Festungsstadt Brixen, gibt genauere Anweisungen und hält unter Punkt 9 über Klausen folgendes fest:

Genie Direction Brixen müsste recognoszieren u. z. wegen der Unterbrechung der Verbindung Kloster Säben-Troyerhof (wahrscheinlich durch Sprengung der engsten Stelle. A.d.V.). Nördlich von Säben, nach ca. 800-1000 Schritten, müsste eine Stellung für Infanterie zur Beschießung des Ausganges von Säben und Überganges gegen den Troyerhof geschafft werden. Genügen Abteilungsgräben.

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